Können Vakuumglocke und Orthese gleichzeitig eingesetzt werden? Wie die Reihenfolge bei kombinierter Behandlung entschieden wird
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Manche Kinder und Jugendliche zeigen nicht nur eine, sondern mehrere Auffälligkeiten der Brustwand gleichzeitig: Ein Bereich kann nach innen eingesunken sein (Pectus excavatum, umgangssprachlich manchmal Trichterbrust genannt), während ein anderer Bereich nach außen vorgewölbt ist (Pectus carinatum, Kielbrust) oder die unteren Rippen nach außen abstehen (Rippenflaring). Familien in dieser Situation stellen häufig dieselbe Frage: Können Vakuumglocke und Orthese gemeinsam eingesetzt werden, oder muss eines von beiden zuerst kommen?
Dieser Beitrag schlägt keinen Behandlungsplan für einen bestimmten Patienten vor. Stattdessen fasst er allgemeine klinische Prinzipien und veröffentlichte Forschung zur nicht-operativen Brustwandbehandlung zusammen, um zu erklären, wie eine kombinierte Anwendung typischerweise angegangen wird.
Nichts in diesem Text ersetzt einen individuellen Behandlungsplan - die genaue Reihenfolge und der Zeitpunkt sollten für jeden Patienten stets vom behandelnden Arzt festgelegt werden, basierend auf Anatomie und Wachstumsphase.
Was bedeutet ein gemischter Brustwandbefund?
In der Fachliteratur zu Brustwanddeformitäten sind gemischte Befunde - bei denen ein und derselbe Patient sowohl eine eingesunkene als auch eine vorgewölbte Komponente zeigt - ein anerkanntes, wenn auch selteneres Muster. Es handelt sich dabei nicht um zwei unabhängige Erkrankungen, sondern um denselben zugrunde liegenden Wachstumsprozess, der sich in unterschiedlichen Bereichen der Brustwand unterschiedlich äußert. Gemischte Befunde werden seltener berichtet als einseitige und in der Regel durch körperliche Untersuchung, bei Bedarf ergänzt durch Bildgebung, bestätigt.
Warum Vakuumglocke und Orthese in entgegengesetzte Richtungen wirken
Eine Vakuumglocke übt kontrollierten Unterdruck (Sog) auf den eingesunkenen Bereich der Brustwand aus, damit sich der Knorpel über die Zeit nach außen umformen kann [1][2]. Eine Orthese funktioniert nach dem entgegengesetzten Prinzip: Sie übt kontrollierten äußeren Druck auf den vorgewölbten Bereich aus, um eine Umformung nach innen zu fördern. Da beide Geräte in entgegengesetzte Kraftrichtungen wirken und unterschiedliche Bereiche ansprechen, könnte ein Patient mit gemischtem Befund theoretisch von beiden profitieren - das bedeutet aber nicht automatisch, dass beide gleichzeitig und auf dieselbe Weise getragen werden sollten.
Warum kombinierte Behandlung meist nacheinander statt gleichzeitig erfolgt
Der erste Grund ist praktisch: Die von den beiden Geräten anvisierten Bereiche können auf der Brustwand nah beieinander oder benachbart liegen, was es erschwert, zwei unterschiedliche Druckquellen gleichzeitig für Haut und Weichgewebe zu managen. Der zweite Grund betrifft das Verhalten: Beide Behandlungen erfordern konsequentes tägliches Tragen über eine bestimmte Stundenzahl - zwei Geräte gleichzeitig in den Tagesablauf einzubauen, kann die Gesamtbelastung für die Einhaltung erhöhen.
Veröffentlichte Forschung zu beiden Behandlungsarten zeigt dasselbe zugrunde liegende Muster: Das Ergebnis hängt stark davon ab, wie konsequent das Gerät wie verordnet getragen wird [3][4]. Aus diesem Grund bevorzugen Behandler mitunter, zunächst zu bestätigen, dass ein Patient eine Behandlung zuverlässig einhalten kann, bevor eine zweite eingeführt wird.
Was sagt die Literatur zur Tragedisziplin (Compliance)?
Studien zur Vakuumglocken-Therapie identifizieren wiederholt die konsequente tägliche Tragedauer als einen der entscheidendsten Faktoren für den Behandlungserfolg [2][3] - unabhängig vom konkret verwendeten Gerät. Das zeigt, dass das Ergebnis ebenso stark von der täglichen Erfahrung des Patienten abhängt wie von der technischen Auslegung des Geräts.
Ein ähnliches Muster zeigt sich in der Literatur zu Pectus-carinatum-Orthesen: Schrittweiser Druck in Kombination mit der täglichen Einhaltung durch den Patienten wurde als zentral für Komfort und Ergebnis identifiziert [4][5]. Beide Literaturstränge laufen auf dasselbe Grundprinzip hinaus - das Gerät zählt, aber die Routine drumherum zählt genauso.
Wie wird die Reihenfolge in der klinischen Praxis entschieden?
Als allgemeiner Ansatz behandeln Ärzte häufig zuerst das Merkmal, das klinisch auffälliger oder vorrangiger zu beobachten ist - abhängig davon, welcher Aspekt engmaschigere funktionelle oder entwicklungsbezogene Nachverfolgung braucht. Sobald eine Behandlung beginnt, entscheidet eine regelmäßige Neubewertung darüber, wann - oder ob überhaupt - ein zweites Gerät eingeführt wird.
Ein Punkt sei klar benannt: Es gibt in der veröffentlichten Literatur kein einziges, universell anerkanntes Reihenfolge-Protokoll für gemischte Brustwandbefunde. Der Ansatz variiert von Patient zu Patient je nach klinischer Einschätzung des Behandlers - dieser Beitrag stellt keine bestimmte Reihenfolge als „richtige Methode“ dar, sondern fasst nur die allgemeinen Abwägungen zusammen.
Praktische Punkte bei kombinierter Anwendung
Wenn zwei Geräte Teil des Tagesablaufs sind, wird die Hautintegrität zu einem wichtigen Kontrollpunkt - regelmäßig sollte auf Reizungen oder Empfindlichkeit in den druckbelasteten Bereichen geachtet werden. Wie die täglichen Tragestunden aufgeteilt werden - etwa ein Gerät tagsüber, das andere abends - sollte gemeinsam mit dem behandelnden Arzt geplant werden.
Da sich die Anatomie während des Wachstums weiter verändert, sollte die Passform beider Geräte in regelmäßigen Abständen neu bewertet werden. Es lohnt sich auch anzuerkennen, dass zwei gleichzeitige Behandlungsroutinen für ein Kind oder einen Jugendlichen eine zusätzliche motivationale Belastung darstellen können - hier gewinnen familiäre Unterstützung und regelmäßige klinische Nachsorge besonders an Bedeutung.
Auch eine einfache Dokumentationsgewohnheit kann in diesem Prozess hilfreich sein: kurze Notizen darüber, welches Gerät wann getragen wurde, können dem behandelnden Arzt beim nächsten Kontrolltermin ein klareres Gesamtbild der Tragedisziplin geben. Dabei geht es nicht um eine ständige Überwachung von Patient oder Familie, sondern um eine praktische Gewohnheit, mit der sich mögliche Lücken in der Routine frühzeitig erkennen lassen.
Häufig gestellte Fragen
Können Vakuumglocke und Orthese am selben Tag getragen werden?
Das hängt von der Anatomie des Patienten und der Einschätzung des behandelnden Arztes ab. In manchen Fällen können beide Geräte zu unterschiedlichen Tageszeiten getragen werden; in anderen bevorzugt der Arzt zunächst eine einzelne Behandlung. Die konkrete Entscheidung sollte immer gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden.
Dauert eine kombinierte Behandlung länger als die alleinige Anwendung eines Geräts?
Eine feste Dauer kann nicht garantiert werden - der zeitliche Verlauf hängt von den Besonderheiten der Deformität und der Konsequenz der Behandlungseinhaltung ab. Veröffentlichte Studien konzentrieren sich weniger auf die genaue Dauer als darauf, wie die Tragedisziplin das Ergebnis beeinflusst.
Wie wird entschieden, welche Behandlung zuerst beginnt?
Diese Entscheidung trifft der behandelnde Arzt danach, welches Merkmal klinisch vorrangiger zu beobachten ist, sowie nach Alter und allgemeiner Verträglichkeit beim Patienten. Es gibt in der Literatur keine einzige feste Regel - jeder Fall wird individuell bewertet.
Warum ist die Unterstützung der Familie in diesem Prozess wichtig?
Zwei separate Geräte gleichzeitig im Blick zu behalten, erfordert zusätzliche Motivation, besonders bei einem Kind oder Jugendlichen. Eine Familie, die an die Tragezeiten erinnert, bei der Hautkontrolle unterstützt und regelmäßige Kontrolltermine wahrnimmt, spielt eine wichtige Rolle dabei, den Prozess tragfähig zu halten.
Fazit
Bei Patienten mit gemischtem Brustwandbefund kann die Kombination aus Vakuumglocke und Orthese sinnvoll sein - das bedeutet aber nicht automatisch, beide standardmäßig gleichzeitig einzusetzen. Die Literatur zu beiden Behandlungsarten weist durchgängig auf die tägliche Tragedisziplin als einen der wichtigsten Faktoren für das Ergebnis hin - Entscheidungen über eine Kombination sollten daher individuell vom behandelnden Arzt getroffen werden, mit Blick darauf, ob der Patient die Einhaltung für beide Geräte realistisch leisten kann.
Quellen
[1] Obermeyer RJ. Incorporating vacuum bell therapy into pectus excavatum treatment. J Vis Surg. 2016.
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