Ist die Trichterbrust gefährlich? Was die Forschung wirklich sagt
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Pectus excavatum, im Deutschen als Trichterbrust bezeichnet, ist eine angeborene Fehlbildung der Brustwand, bei der sich das Brustbein und die daran ansetzenden Rippenknorpel nach innen wölben. In der medizinischen Literatur wird berichtet, dass Pectus-Fehlbildungen etwa 95 % aller angeborenen Brustwanddeformitäten ausmachen und die Trichterbrust darunter die häufigste Form ist [1]. Umgangssprachlich wird dieses Erscheinungsbild manchmal auch „Schusterbrust“ genannt.
In einer aktuellen internationalen Konsensus-Leitlinie, die gemeinsam von mehreren Fachgesellschaften erstellt wurde, heißt es, dass Pectus-Fehlbildungen bei etwa einer von 250 Personen vorkommen, bei den meisten gut vertragen werden und bei einem Teil der Betroffenen zu psychischen, körperlichen oder beiden Beeinträchtigungen führen [2]. Der Tenor der Literatur lautet also nicht, dass dies für jeden gefährlich ist, sondern: Gibt es bei dieser Person eine messbare Auswirkung, und wenn ja, in welchem Ausmaß?
Dieser Artikel dient weder der Diagnosestellung noch einer persönlichen medizinischen Beratung, sondern soll in einfacher Sprache wiedergeben, was in der Fachliteratur tatsächlich beschrieben wird. Eine Internetsuche zu diesem Thema fördert häufig beunruhigende und scheinbar eindeutige Aussagen zutage. Im Folgenden werden zunächst die in der Literatur beschriebenen bekannten Effekte behandelt, danach häufige, aber überzogene Ängste. Themen wie die Lebenserwartung werden hier bewusst nicht behandelt — solche Fragen können nur mit einem Arzt besprochen werden, der die individuellen Untersuchungsbefunde kennt, nicht anhand eines Blogartikels.
Wie häufig ist die Trichterbrust und bei wem fällt sie stärker auf?
Der Literatur zufolge tritt eine Trichterbrust bei etwa einer von 300 bis 1.000 Lebendgeburten auf und ist damit die häufigste Brustwanddeformität [1]. Bei Jungen bzw. Männern kommt sie demnach etwa fünfmal häufiger vor. In 35–40 % der Fälle wird eine familiäre Häufung berichtet, was auf eine mögliche erbliche Komponente hindeutet [1].
Wie ausgeprägt die Einsenkung erscheint, kann sich im Laufe der Zeit verändern. Die meisten Fälle fallen bereits in den ersten Lebensjahren auf; der Wachstumsschub in der Pubertät wird häufig damit in Verbindung gebracht, dass die Einsenkung deutlicher sichtbar wird [1]. Eine Veränderung des Erscheinungsbildes während des Wachstums ist also nicht ungewöhnlich — es ist sinnvoll, dass Eltern den Verlauf in dieser Zeit ärztlich begleiten lassen.
Die Trichterbrust kann isoliert auftreten oder gemeinsam mit anderen Befunden. In der Literatur wird beschrieben, dass Veränderungen des Skelettsystems (etwa Skoliose oder Kyphose) häufig zusammen mit Pectus-Fehlbildungen vorkommen und die Trichterbrust in manchen Fällen Teil eines genetischen Syndroms wie des Marfan-Syndroms sein kann [1]. Das bedeutet nicht, dass bei jedem Betroffenen ein solches Syndrom vorliegt — es erklärt lediglich, warum sich die ärztliche Untersuchung nicht nur auf den Brustkorb beschränkt.
Bekannte Auswirkungen auf Herz und Atmung
Die meisten in der Literatur beschriebenen Effekte zeigen sich nicht in Ruhe, sondern unter Belastung. Berichtet wird unter anderem eine Verringerung des pro Herzschlag ausgeworfenen Blutvolumens, die mit einer geringeren körperlichen Leistungsfähigkeit einhergeht; in Ruhe normale Werte können bei mäßiger Belastung unter die erwarteten Werte fallen [1]. Bei Lungenfunktionstests werden leichte bis mäßige Einschränkungen beschrieben [1].
Untersuchungen zu den Ursachen zeigen, dass sich das Problem nicht allein durch das „Lungenvolumen“ erklären lässt. Übersichtsarbeiten zu diesem Thema diskutieren, dass die eingeschränkte Belastbarkeit vor allem mit der Herz-Kreislauf-Leistung zusammenhängt und nicht allein durch mangelndes Training erklärbar ist [3]. Studien zur Bewegung der Brustwand zeigen zudem eine verringerte Atembewegung im Bereich der Einsenkung [4].
Auch Befunde zur Lage und zum Rhythmus des Herzens sind Teil der Beurteilung. Berichten zufolge ist das Herz bei einer Trichterbrust häufig nach links verlagert; im EKG kann sich dies als Achsenabweichung zeigen, und bei 16 % der Patienten werden verschiedene Rhythmusbefunde beschrieben [1]. Solche Befunde bedeuten nicht automatisch eine ernsthafte Herzerkrankung — der Arzt muss das Gesamtbild unter anderem mittels Echokardiographie beurteilen.
Schweregrad und Beschwerden stimmen nicht immer überein
Ein besonders wichtiger Punkt ist, dass die von außen sichtbare Tiefe der Einsenkung nicht immer mit dem tatsächlich empfundenen Beschwerdegrad übereinstimmt. In der Literatur wird ausdrücklich festgehalten, dass die von Patienten geschilderten Beschwerden nicht zwangsläufig mit den Zahlenwerten der Herz-Lungen-Untersuchungen übereinstimmen [1]. Das heißt: Eine tief erscheinende Einsenkung kann mit wenigen Beschwerden einhergehen, während bei einem weniger auffälligen Befund durchaus Belastungsprobleme auftreten können.
Indizes zur Messung der Einsenkung helfen bei der Entscheidung, treffen sie aber nicht allein. Beim aus der Computertomographie berechneten Haller-Index gilt ein Wert von 2,5 oder darunter als normal, Werte über 3,2 werden als schwer eingestuft; bei einem Index über 7 ist die Wahrscheinlichkeit eines restriktiven Musters in der Lungenfunktionsprüfung den Berichten zufolge etwa vierfach erhöht [1]. Auch in größeren Patientengruppen wurde gezeigt, dass die Lungenfunktion mit zunehmendem Schweregrad der Einsenkung abnimmt [5].
Daraus ergibt sich eine doppelte Warnung. Zum einen ist die Annahme, dass ein mildes Erscheinungsbild keine weitere Abklärung erfordert, nicht korrekt. Zum anderen ist auch der Schluss, dass eine tiefe Einsenkung automatisch eine ernste Erkrankung bedeutet, nicht das, was die Literatur zeigt. Der richtige Weg ist eine Untersuchung, die Erscheinungsbild und Beschwerden gemeinsam betrachtet.
Häufige, aber überzogene Ängste
„Das erfordert auf jeden Fall eine Operation“ ist eine verbreitete, aber mit der Literatur nicht übereinstimmende Annahme. Als vorrangiges Kriterium für eine Operationsentscheidung gilt nicht die kosmetische Sorge, sondern eine Beeinträchtigung der Herz-Lungen-Funktion [1]. Auch die Konsensus-Leitlinie behandelt nicht-operative Optionen wie Verlaufsbeobachtung, psychologische Unterstützung, Orthesen und die Vakuumglocke als eigenständige Behandlungsansätze [2].
Die Erwartung, dass nach der Operation alles wieder normal ist, sollte ebenfalls nicht unhinterfragt übernommen werden. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse, die 15 Studien zusammenfasst, fand keine signifikante Veränderung der maximalen Sauerstoffaufnahme vor und nach der operativen Korrektur [7]. Auch wird berichtet, dass anfängliche Verbesserungen der Lungenfunktion im Zeitverlauf wieder nachlassen können [1]. Eine Veränderung des Erscheinungsbildes ist nicht dasselbe wie eine Veränderung der messbaren Leistungsfähigkeit.
Aussagen wie „eine schlechte Haltung verursacht das“ oder „Sport korrigiert es vollständig“ spiegeln ebenfalls nicht wider, was die Literatur zeigt. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt, im Vordergrund stehen jedoch Erklärungen im Zusammenhang mit der Entwicklung von Brustbein und Knorpel [1]. Haltungstraining und Atemübungen können für die allgemeine Gesundheit wertvoll sein; dass sie allein die strukturelle Form der Brustwand verändern, wird in diesen Quellen jedoch nicht belegt.
Der Ansatz, dass es nur um das Aussehen geht und deshalb unwichtig ist, ist ein Fehler in die andere Richtung. Wie im nächsten Abschnitt gezeigt wird, sind psychische und soziale Auswirkungen in der Literatur gemessene und beschriebene Themen — kein Bereich, der als „rein ästhetisch“ abgetan werden sollte.
Psychische und soziale Auswirkungen sollten nicht unterschätzt werden
In der Literatur wird beschrieben, dass eine Person auch ohne körperliche Beschwerden unter dem Erscheinungsbild psychisch leiden kann [1]. Eine Studie mit Kontrollgruppenvergleich zeigte bei Menschen mit Trichterbrust und Kielbrust niedrigere Werte bei der Lebensqualität und ein negativeres Körperbild [6]. Diese Auswirkungen treten besonders in der Pubertät deutlicher zutage.
Deshalb lässt sich die Frage, ob es gefährlich ist, nicht allein anhand von Herz- und Lungenmesswerten beantworten. Für manche Betroffene besteht die eigentliche Belastung darin, im Schwimmbad das T-Shirt nicht auszuziehen, dem Sportunterricht auszuweichen oder ständig an das eigene Erscheinungsbild zu denken. Dass die Konsensus-Leitlinie psychologische Unterstützung als eigenen Behandlungspunkt aufführt, ist kein Zufall [2].
Wann ist eine Untersuchung notwendig?
Auch ohne Beschwerden wird eine regelmäßige Kontrolle empfohlen. Bei einer leichten Trichterbrust haben die meisten Betroffenen wenige oder keine Symptome; dennoch wird eine Herz-Lungen-Untersuchung alle 1–2 Jahre empfohlen, um einen Ausgangsbefund festzuhalten und Veränderungen zu erkennen [1].
Auch Situationen, in denen zeitnah ein Arzt aufgesucht werden sollte, sind definiert. Brustschmerzen, Herzklopfen und Atemnot unter Belastung zählen in der Literatur zu den Beschwerden, die direkt mit diesem Krankheitsbild in Verbindung gebracht werden [1]. Liegen solche Beschwerden vor, muss ein Arzt abklären, ob sie mit der Trichterbrust oder einer anderen Ursache zusammenhängen.
Auch welche Fachrichtung aufgesucht werden sollte, wird häufig gefragt. Bei Kindern ist die Kinderchirurgie, bei Erwachsenen die Thoraxchirurgie meist die richtige Anlaufstelle; manche Zentren verfügen über erfahrene, multidisziplinäre Teams, und aktuelle Leitlinien empfehlen einen solchen Team-Ansatz [2]. Eine fotografische Dokumentation sowie bei Bedarf ein Lungenfunktionstest, ein EKG und eine Echokardiographie gehören zu den aktuellen Konsensempfehlungen [1].
Welchen Stellenwert haben nicht-operative Ansätze?
Unter den nicht-operativen Methoden wird die Vakuumglocke, die einen Unterdruck auf die Brustwand ausübt, in der Literatur als eigener Ansatz behandelt. Den Berichten zufolge bietet diese Methode bei ausgewählten Personen eine Alternative — insbesondere bei weniger ausgeprägten Einsenkungen und in jüngeren Altersgruppen, bei denen eine Operation vor der Pubertät nicht als geeignet gilt. Ausdrücklich wird auch festgehalten, dass die Langzeitergebnisse noch untersucht werden [1][8].
Die Idee hinter diesem Ansatz beruht auf einer kontrollierten, regelmäßigen Anwendung in der Phase, in der die Brustwand noch flexibel ist. In der Literatur wird diskutiert, dass Anwendungsdauer, Häufigkeit und Nachkontrolle mit dem Ergebnis zusammenhängen; deshalb wird der Plan individuell vom Arzt festgelegt und erfordert regelmäßige Kontrollen [8]. Ein standardisiertes, für alle gleiches Programm gibt es dabei nicht.
Pectuslab entwickelt und produziert Geräte in diesem Bereich. Die für die Trichterbrust erhältlichen Modelle Gvacuum Vakum Bel Manuel und Gvacuum Dynamic Lite Vakum Bel — beides Vakuumglocken-Geräte — kommen zum Einsatz, wenn ein Arzt dies für geeignet hält; welches Modell und welche Größe passend ist, hängt von der jeweiligen Person ab und kann über eine Kontaktaufnahme geklärt werden. Wir behaupten nicht, dass die Geräte ein Ergebnis garantieren oder eine bestimmte Erfolgsquote erzielen — die Entscheidung sollte durch eine ärztliche Beurteilung getroffen werden.
Häufig gestellte Fragen
Ist die Trichterbrust eine Herzerkrankung?
Nein, die Trichterbrust ist eine Besonderheit der Brustwandstruktur. Da das eingesenkte Brustbein jedoch die Lage des Herzens und dessen Leistung unter Belastung beeinflussen kann, gehören Herzuntersuchungen zur Beurteilung dazu [1]. Das bedeutet nicht, dass die Diagnose selbst eine Herzerkrankung ist.
Vertieft sich die Einsenkung mit der Zeit?
Das kann sich verändern. Der Literatur zufolge kann sich die Ausprägung der Einsenkung mit dem Wachstum verstärken, insbesondere im Zusammenhang mit dem pubertären Wachstumsschub [1]. Deshalb wird während des Wachstumsalters eine regelmäßige Kontrolle empfohlen.
Ist Sport treiben riskant?
Das muss individuell entschieden werden; ein generelles Verbot oder eine generelle Freigabe lässt sich aus der Literatur nicht ableiten. In der Literatur wird eine verringerte Belastbarkeit beschrieben [1][3]; wer in welchem Umfang Sport treiben kann, hängt jedoch von der ärztlichen Beurteilung ab, gegebenenfalls einschließlich eines Belastungstests. Treten unter Belastung Brustschmerzen, Herzklopfen oder ein Ohnmachtsgefühl auf, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.
Ist es bei einer leichten Einsenkung richtig, nichts zu unternehmen?
Nichts zu tun und eine Verlaufskontrolle sind nicht dasselbe. Auch wenn bei leichten Befunden die meisten Betroffenen wenige Beschwerden haben, wird empfohlen, einen Ausgangsbefund zu erstellen und alle 1–2 Jahre eine Kontrolle durchzuführen [1]. So wird eine Veränderung frühzeitig erkannt.
Fazit
Die kurze, literaturbasierte Antwort auf die Frage, ob die Trichterbrust gefährlich ist, lautet: Es handelt sich um eine Brustwandbesonderheit, die von den meisten Betroffenen gut vertragen wird, während ein Teil physiologische oder psychische Auswirkungen erlebt [2]. Zu den bekannten Effekten zählen eine verringerte Belastbarkeit, leicht- bis mittelgradige Veränderungen bei Lungenfunktionstests, Befunde im Zusammenhang mit der Verlagerung des Herzens sowie Belastungen im Zusammenhang mit dem Körperbild [1][3][6].
Übertrieben wird vor allem der Anspruch auf Gewissheit. Weder ist die Annahme richtig, dass dieses Erscheinungsbild zwangsläufig eine ernste Erkrankung ist, noch ist es rein ästhetisch; auch wird in der Literatur nicht gezeigt, dass eine Operation alle messbaren Ergebnisse normalisiert [7]. Der richtige Weg ist eine fachärztliche Untersuchung, die Erscheinungsbild und Beschwerden gemeinsam betrachtet und daraus einen individuellen Kontrollplan entwickelt.
Quellen
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